Amerikanische und deutsche Arbeitskultur

 

„Wie viele Deutsche braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln …?

… einen, Deutsche sind effizient und haben keinen Humor.“

 

Nur ein Witz.

Oder?

Hier schreibt ein New Yorker, der jetzt in Hamburg lebt und arbeitet. Und lasst euch gesagt sein, die Umstellung von Amerika auf Deutschland gehört definitiv nicht zu den leichtesten Dingen, die ich je getan habe. Obwohl sich mein Leben hier auch manchmal fast so anfühlt, als wäre ich noch in den Staaten. Bis auf die Sprache teilen wir ein ähnliches Klima, Wetter, Einkommen, Lebensqualität, ähnliche Gesetze und die Demokratie. Außerdem das gleiche Versicherungssys…

Oh, wartet … Das nicht.

Jetzt aber mal im Ernst, es gibt ziemlich viele Ähnlichkeiten zwischen Amerika und Deutschland. Dasselbe gilt, wenn es um die Bürokultur und die kleinen Unternehmen geht, die überall wie Pilze aus dem Boden sprießen.

 

Andererseits gibt es da – natürlich – auch einige ziemlich offensichtliche Unterschiede in unseren Arbeitswelten.

 

Beide Nationen sind auf Erfolg aus. Aber wie sie erfolgreich werden und wie sie dabei mit Arbeitskollegen und Chefs umgehen, unterscheidet sich maßgeblich von einander.

 

Schauen wir uns das doch mal genauer an.

 

Arbeit! Arbeit! Arbeit!

 

Der große Umbruch in der menschlichen (Vor-)Geschichte war die Neolithische Revolution, als unsere Vorfahren mit Ackerbau und Viehzucht begannen. Die Möglichkeit Essen zu produzieren und über einen längeren Zeitraum zu lagern, brachte einen sesshafteren Lebensstil mit sich. Also das, was wir heute als Zivilisation mit all ihren „Vorzügen“ bezeichnen.

Vor der Revolution waren alle Stamm- oder Familienmitglieder ständig auf der Suche nach Essen und hatten nicht wirklich viel Zeit für irgendwas anderes. Sammeln und jagen war ein Vollzeitjob für alle – außer dem Familienoberhaupt.

Die Landwirtschaft erlaubte es unseren Vorfahren, sich an einem Ort niederzulassen, und mit dem Essensüberschuss konnten sie sich nun auch auf andere Dinge konzentrieren, zum Beispiel Schlachten, Backen oder Weben.

Und schon gab es das Konzept „Beruf“.

Vom Bauern zum Holzfäller, zum Schmied, zum Medizinmann, zu den armen Seelen, die die schweren Steine für die Pyramiden schleppten, ging es weiter bis zu den Hirnchirurgen, Astronauten, Nanotechnologen und den Bio-Kaffee-Baristas. „Berufe“ sind das, was unsere moderne Gesellschaft definiert.

Und ganz nebenbei spiegeln sich die Region, in der wir leben, die Sprachen, die wir sprechen, und die Traditionen oder die sozialen Normen, aus denen unsere Gesellschaft besteht, in unserer „Arbeitskultur“ wider.

Man könnte einmal rund um die Erde reisen und unzählige kulturelle Vergleiche über Arbeitsklima und Büro-Etikette ziehen. Als amerikanischer Expat in Deutschland beschränken sich meine Erfahrungen – und dieser Artikel – jedoch auf diese beiden Länder.

 

Das weltweite Startup Phänomen

 

Die Millennials haben die Arbeitswelt im Sturm erobert. Sie sind die größte Bevölkerungsgruppe, die es jemals gab (ja, so sieht´s aus ihr Baby-Boomer, ihr seid raus). Die stereotypische Beschreibung für einen Menschen zwischen 18 und 35 lautet wahrscheinlich so: jung, ehrgeizig, hoch gebildet und ein technisch ambitionierter Unternehmer, der die Großraumbüro-Kultur der 80er und 90er leid ist.

Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind beides Brutstätten für trendige IT-Startups und andere, hippe Unternehmen. Berlin ist quasi das Epizentrum für erfolgreiche Startups und auch das Silikon Valley steht seit Jahren für innovative und erfolgreiche Technologie.

Technologie- und Informationsexplosionen der letzten Jahrzehnte haben eine noch nie da gewesenen Zahl an Jungunternehmern hervorgebracht. Viele der Produkte und Serviceangebote, die heute allgegenwärtig und erfolgreich sind, starten als die Idee eines kleinen und unscheinbaren Unternehmens.

Wir leben jetzt in einem Zeitalter, in dem Software Nerds im dunklen Keller ihrer Eltern sitzen und ihr Hobby in ein multimilliardenschweres Unternehmen verwandeln.

 

Auftreten

 

Die meisten – wenn nicht sogar alle – der Startup-Mitarbeiter ähneln äußerlich den Millennials. Eine Tatsache, die nicht besonders überraschend ist. Auch der ästhetische Trend scheint sich in Amerika und Deutschland kaum zu unterscheiden.

Die Tage von Krawatte, Bundfaltenhose und Sakko sind vorbei.

Wir arbeiten in T-Shirts mit einem hippen Print und unsere Arme zieren zahlreiche Tattoos. Wir tragen #manbuns und sind #lumbersexual. Der Drink unserer Wahl ist Fair Trade Kaffee – außer beim After Work Event, da gibt’s natürlich Craft Beer. Außerdem haben wir ständig den Drang für etwas einzustehen – oder dagegen zu rebellieren.

Auch immer mehr weibliche Unternehmerinnen eröffnen ihr eigenes Business und sind damit erfolgreicher denn je.

Wenn man sich allerdings mal die Mentalität anschaut, die dahintersteckt, dann gehen die Meinungen der Amerikaner und der Deutschen doch etwas auseinander.

 

Mentalität

 

Das Bild von Deutschland als gut geölte Maschine kommt nicht von ungefähr. Deutsche arbeiten, hart, sorgsam und eigentlich ständig.

Ich übertreibe, aber nur ein bisschen.

In jedem Stereotyp steckt ein Funken Wahrheit und die Deutschen sind immer damit beschäftigt, alles so effizient und effektiv wie möglich zu erledigen.

Deutsche Unternehmen haben eine Vernetzung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Alles soll so geordnet und transparent wie möglich zugehen.

Ich denke, dass dieses Vorgehen der Produktivität grundsätzlich förderlich sein kann. Für Amerikaner, die in einem deutschen Büro arbeiten, wirkt das konstante Auf-dem-Laufenden-Halten jedoch leicht überfordernd.

Jeder weiß, was seine Kollegen gerade tun – das fördert natürlich die Produktivität, schränkt aber die Privatsphäre ein. Aber hey, das ist Deutschland und hier bleibt der Arbeitsplatz Arbeits-Platz.

Deutsche vertrauen auf die Kompetenz ihrer Kollegen, sie arbeiten fleißig und es ist ziemlich offensichtlich, warum. In Deutschland genießt man eine Art Arbeitsplatz-Patriotismus – man ist stolz darauf, die Dinge beim ersten Mal richtig zu machen, jedes Mal.

Und die Deutschen lieben Meetings und Präsentationen. Amerikaner würden viele Fragen dieser Art „einfach“ mit einem Haufen E-Mails beantworten.

Das ist eine bewundernswerte Arbeitsweise. Und sie funktioniert. Aber der Druck, der dadurch manchmal auf die Angestellten ausgeübt wird, ist mir immer noch etwas fremd.

 

Wie der Bildungsweg die Arbeitskultur beeinflusst

 

Meiner Meinung nach wird die deutsche und die amerikanische Arbeitskultur sehr stark vom jeweiligen Bildungssystem beeinflusst.

Im Gegensatz zu ihren Altersgenossen auf der anderen Seite des Atlantiks erwartet man von deutschen Jugendlichen viel früher, dass sie sich auf einen Bildungszweig spezialisieren. Sie sind dadurch im Durchschnitt nicht ganz so vielseitig gebildet. Im Gegenteil. Etwa mit 15 Jahren müssen sie eine Entscheidung treffen: Ausbildung? Praktikum? Abitur? Studium? Danach gehen sie ihren Weg, spezialisieren sich und werden – hoffentlich – die beste Version ihres Selbsts.

In Deutschland gibt es eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann oder -frau; die Absolventen können dann zum Beispiel ganz offiziell in einem Supermarkt arbeiten. Amerikanern kommt das im ersten Moment wahrscheinlich etwas komisch vor, denn in den Staaten werden diese Jobs meist von 15jährigen übernommen, die ihr Taschengeld aufbessern möchten. Aber erst, wenn man mal in einer deutschen Supermarktschlange stand, weiß man, was das Wörtchen „schnell“ bedeutet.

Als ich 15 Jahre alt war, hatte ich keine Ahnung, was ich mal werden wollte, wenn ich groß bin. Mit 25 hatte ich immer noch keine Ahnung.

Und wenn ich mich heute entscheiden sollte? Dann wäre ich irgendwie gerne ein Dinosaurier.

Amerikanische Kinder werden in der Regel nicht in eine Karriereschublade gesteckt. Es passiert zwar, aber es ist nicht so normal wie hier.

Amerikanische Schüler erhalten meist eine solide Grundausbildung, mit weniger Fokus und weniger Spezialisation. Sie belegen mehr Fächer und haben dabei insgesamt weniger Druck, sich auf einen Berufswunsch festzulegen – das ist zumindest meine Erfahrung.

Das soll nicht bedeuten, dass eins der Bildungssysteme besser oder ausgereifter ist als das andere. Ich will damit nur sagen, dass sich die Art der Ausbildung wahrscheinlich auch auf das Arbeitsklima und die Arbeitskultur auswirkt.

Ich wurde unter der Prämisse erzogen, dass ich alles werden könnte, was ich wollte – solange ich in der Schule fleißig wäre.

Diese Kultur der 90er-Generation hat uns Millennnials einige Probleme eingebrockt, als wir mitten im Konjunkturabsturz 2008 endlich bereits für den Arbeitsmarkt waren. Viele von uns dachten damals noch, dass ihnen eine erfolgreiche Karriere als Kryptozoologe oder Unterwasser-Korbweber sicher ist.

Ich schätze aber immer noch die Aufgeschlossenheit und die Freiheit, die mit dieser Mentalität einhergeht, und auch wenn es anfangs nicht immer klappt: in den USA lernen wir von unseren Fehlern und gewinnen an Erfahrung.

Deutsche machen keine Fehler.

In Deutschland werden die Arbeitskräfte auf die gleiche Art geschmiedet wie ein Schmied ein Schwert bearbeitet: er beherrscht sein Handwerk, arbeitet mit größter Sorgfalt und am Ende entsteht ein perfektes Produkt.

Diese Einstellung ist großartig, um eine starke nationale Identität und eine brummende Konjunktur zu schaffen und seinen exzellenten Ruf zu verteidigen. Aber sie kommt auch mit einigen Nachteilen.

Ich will nicht sagen, dass deutsche Kollegen verschlossen oder gemein wären, aber oft spürt man doch eine Grenze zwischen dem professionellen und dem privaten Leben, die man nicht so einfach übertritt. Man lässt sein privates Leben vor der Bürotür und nimmt nach Feierabend keine Arbeit mit nach Hause.

Und denkt nicht mal dran, dass die Arbeitskollegen auch Facebook-Freunde werden könnten.

Obwohl sich dieser Trend wohl langsam ändert, aber trotzdem sollte man schön die Füße stillhalten.

Oberflächlicher „Wasserspender-Smalltalk“ ist typisch für ein amerikanisches Unternehmen. Natürlich ist das nur ein Stereotyp, aber trotzdem spiegelt er doch die persönliche und lockere Beziehung der Kollegen wider. Das Management bleibt dabei allerdings unter sich. Schließlich gibt es hier eine Hierarchie, die gewahrt werden muss.

In Deutschland gibt es mehr von dieser Chef-Angestellten-Interaktion und es wird großer Wert auf Teamwork gelegt. Aber manchmal wirkt dieser Ablauf wie eine minutengenaue und einstudierte Choreografie, die eher wenig Raum für kritische Gedanken oder Kreativität lässt.

Die Deutschen lieben Datenbanken, Kalkulationstabellen, Organisationstools, Produktivitätssteigerung und Papier – alles muss aufgeschrieben werden.

Die Deutschen lieben Papierverschwendung Was ziemlich ironisch wirkt für ein Land, das seinen Müll gerne in 20 unterschiedliche Abfalleimer sortiert.

Es mag wie ein Witz klingen, aber es ist relevant für das, was ich hier sagen möchte. Die deutsche Hartnäckigkeit, alles als Hardcopy zu besitzen, jede Rechnung aufzuheben und einen Vertrag nach dem anderen aufzusetzen, steigert sich manchmal bis in die Absurdität. Aber es bleibt ein Spiegel der Arbeitskultur.

Und sie kurbelt den Verkauf von Aktenschränken an.

 

Meine persönliche Erfahrung…

 

Kolibri Online ist – wahrscheinlich – nicht das beste Beispiel für eine typisch deutsche Arbeitskultur.

Es ist ohnehin schwer, Kolibri als deutsch zu bezeichnen, wenn wir Ausländer die Hälfte der Agentur ausmachen – Management eingeschlossen.

Hier herrscht eine außergewöhnliche Energie, die ich bis jetzt noch nirgendwo anders erlebt habe. Außerdem auch eine Kameradschaft, die nicht wirklich in meine Stereotype über Deutschland passt.

Deutsche oder amerikanische Arbeitskultur – welche halte ich für besser?

Die Antwort fällt relativ unbefriedigend aus, aber darum geht es ja auch gar nicht. Beide Arbeitskulturen unterscheiden sich, aber keine ist per se besser. Es hängt davon ab, wo man herkommt, was man kennt, und welche Persönlichkeit man hat.

Trotz der bekannten Steifheit scheinen die Deutschen sehr viel experimenteller mit ihren Führungsmodellen umzugehen. So entstehen dann immer demokratischere und mitarbeiterstärkendere Geschäftsmodelle, die das alte Top-down Management ablösen. Der CEO ist also nicht mehr unbedingt der Dirigent, der seinen Mitarbeitern den Ton angibt.

In den Staaten gibt es diese Gewaltentrennung noch. Nicht nur in der Diskrepanz von Gehalt und Autorität, sondern auch in den Beziehungen zwischen den „normalen“ Mitarbeitern und dem oberen Management.

Während die Amerikaner also die Flexibilität, die Lockerheit und das Persönliche genießen, ist es doch hart, gegen deutsche Effizienz und Ordnung anzukommen.

Und auch die Versicherungsvorteile genieße ich sehr.

Aber hey:

„Wie viele Amerikaner braucht es um eine Glühbirne zu wechseln?

Keinen, denn Amerikanern fällt Wechsel allgemein sehr schwer.“

 

 

[Das ist eine Übersetzung aus dem englischen Original „German and American Work Cultures“]

„Erste Bürgerpflicht: Ruhe bewahren“, sagt mein Vater immer. Und das hilft mir nicht nur beim Schreiben, sondern auch in allen anderen Lebenslagen. Weiser Mann!

Franziska Guenther

"Erste Bürgerpflicht: Ruhe bewahren", sagt mein Vater immer. Und das hilft mir nicht nur beim Schreiben, sondern auch in allen anderen Lebenslagen. Weiser Mann!