Inspiration Overload – so war das OFFFest 2017

„Was willst du denn auf der OFFF? Du machst doch hauptsächlich Text- und Content-Konzeption?“ Fragen, die ich immer wieder höre, wenn ich erzähle, dass ich zum „International Festival for the Post-Digital Creation Culture“ – kurz OFFFest – nach Barcelona fliege. Hintergrund dieser Fragen ist, dass die OFFF sehr auf visuelle Kunst, und damit auf Art Direktoren, ausgerichtet ist. Auf den beiden Bühnen „Roots“ und „Open Room“ stehen hauptsächlich Graphic und Motion Designer, kleine Filmstudios und Illustratoren. Nachvollziehen kann ich diese Fragen aus zwei Gründen trotzdem nicht:

1. Wenn wir als Kreativbranche eine Daseinsberechtigung haben, dann doch, weil wir in der Lage sind, „out of the box“ zu denken – wie es unsere Kunden gerne nennen. Also über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und Zusammenhänge herzustellen, die bestenfalls noch kein anderer gesehen hat. Kreativität ist aber nun mal ein Muskel, der auch trainiert werden muss. Ideen entstehen nicht im luftleeren Raum, genauso wenig wie in kleinen gemütlichen Filterblasen.

2. Gerade wer hochwertigen Content konzipieren will, sollte mehr als seine Spezialdisziplin beherrschen. Erst die richtige Mischung aus Story, Text, Bild und Film sorgt für Begeisterung bei den Usern und für hohe Rankings in den Suchmaschinen. Besonders für den digitalen Raum gilt also: Nur wer in der Lage ist, gleichermaßen in Wort und Bild zu denken, kann Geschichten erzählen, die sich weitertragen – die gelikt und geteilt werden.

Das erste schöne Stück Content lieferten die Veranstalter in Zusammenarbeit mit dem Outro Studio dann auch gleich selbst. Das Festival stand 2017 unter dem Motto „OFFF New Senses – A Sensory Overload Experience“. Die Idee der diesjährigen Kampagne war, das OFFFest als eine Art Zukunftsunternehmen zu positionieren, das völlig neue Erfahrungen für alle Sinne – Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen – anbietet. Ein Unternehmen, das natürlich auch Werbung für sich machen muss.

 

 

Profis, Penisse und Pessimismus – Die Highlights der OFFF 2017

Es fing gut an und ging gut weiter. Natürlich lieferten nicht alle Speaker gleichbleibend gute Performances und Highlights sind eine sehr subjektive Sache. Im Allgemeinen heißt es aber: Einen guten Talk machen zu 93% ein guter Präsentationsstil und nur zu 7% gute Arbeiten aus. Das kann ich bestätigen: Bei drei Tagen voller Inspiration und herausragender Portfolios müssen die Speaker-Persönlichkeiten schon herausstechen, um im Gedächtnis zu bleiben. Das haben diese 10 Künstler bei mir geschafft:

Wasted Rita und Adam J. Kurtz

Auch wenn die beiden Illustratoren nicht zusammen auf der Bühne standen, haben sie doch einiges gemeinsam: Handlettering, Sarkasmus und einen gewissen Hang zur Depression. Während Adam offen seine Angststörung und sein eher gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl thematisierte, begann Rita einfach gleich jeden Satz mit „I suck because…“. Klar, ein wenig Attitüde ist auch immer dabei. Aber wären die beiden nicht authentisch, würden sie es auf Instagram auch nicht auf knapp 60.000 (Rita) bzw. sogar auf 110.000 Follower (Adam) bringen. Ihrer Geschäftstüchtigkeit tut ihre leicht negativ angehauchte Lebenseinstellung offensichtlich keinen Abbruch. Adam hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht und kann unter anderem Urban Outfitters, Pepsi und die New York Times zu seinen Kunden zählen. Rita verkauft ihre Produkte hauptsächlich im eigenen Online-Shop und durfte bereits die eine oder andere Ausstellung bestücken. Beide Geschichten zeigen, dass man sich vor allem eines hinter die Ohren schreiben sollte: Einfach mal machen. Gerade wir Deutschen neigen dazu, erst dann an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn wir glauben, den nächsten Werther geschrieben oder die Nachkommen der Blauen Pferde gemalt zu haben. Dabei zeigen die Beispiele von Adam und Rita: Beinahe jede Art von Kunst findet ihre Fans – wenn man sie nur konsequent genug durchzieht. Und den Nerv der Zeit trifft.

 

Is the glass half-empty or half-full? © Adam J. Kurtz

Living in a Country where Dreaming has become a Cliché. Copyright: WastedRita

 

 

 

 

 

 

 

 

Foreal

Dass aber auch Deutschland kreativ einiges auf dem Kasten hat, stellten Benjamin und Dirk unter Beweis. Die Gründer des jungen Designstudios FOREAL brachten jede Menge Eye Candy und Charakterdesigns mit. Und Penisse. Viele, viele und vor allem große Penisse. Generell schien das ein Thema zu sein, das sich durch das ganze Festival zog. Eine Gegenreaktion auf den Siegeszug des neu entflammten Feminismus? Man weiß es nicht. Die Kunden scheinen’s zu mögen. Denn auch FOREAL kann bereits auf Kooperationen mit namhaften Kunden wie Samsung, Reebok und der Washington Post zurückblicken. Zur Ehrenrettung der Unternehmen sei jedoch gesagt, dass Penisse in diesen Kooperationen eher keine Rolle gespielt haben. An einer Stelle haben die Jungs dann aber doch den Schwanz eingezogen (um im Bild zu bleiben): Als der Hersteller einer Hämorrhoidensalbe eine Illustration von FOREAL für eine eigentlich ganz lustige Anzeigenidee anfragte, haben sie gekniffen. Künstlerstolz – fair enough. Man will sich auch nicht für alles hergeben. Aber wer sein Geld mit Werbung verdienen will, muss sich manchmal auch einfach über sich selbst lustig machen können. Darüber hinaus hat die Präsentation von FOREAL – wie viele Talks davor und danach – aber vor allem eines gezeigt: Tu das, was du tust, weil du Spaß daran hast. Dann kommt das Geld manchmal von ganz alleine.

 

 

 

© FOREAL

YOLO © FOREAL

 

 

 

 

 

Michelle Dougherty W / Imaginery Forces

Netflix-Fans kennen und lieben sie: Die Titelsequenzen von Serien wie Stranger Things und Jessica Jones. Für viele davon zeichnen Michelle Dougherty und Karin Fong von der Produktionsfirma Imaginery Forces verantwortlich. Dazu lässt sich eigentlich nicht viel sagen, die kleinen Meisterstücke muss man sich ganz einfach selbst ansehen. Sowohl die Arbeiten als auch die Präsentation der beiden jungen Frauen beeindruckten schlicht durch eines: Professionalität. Die Projekte von der Idee bis zur Umsetzung nachvollziehen zu können, war spannend und lehrreich. Außerdem haben die beiden die OFFF 2018 quasi zu einem Pflichttermin gemacht. Dann nämlich werden die Main Titles des Festivals von Imaginery Forces konzipiert und produziert – und das Ergebnis kann man sich eigentlich nicht entgehen lassen. Gänsehaut-Moment vorprogrammiert.

 

 

Leta Sobierajski und Wade Jeffree

 

Bunt und lebensfroh, das innere Kind immer dabei. Der Vortrag der beiden jungen New Yorker Leta und Wade hat schon durch seine Bildauswahl gute Laune gemacht. Entstanden sind die meisten dieser Bilder für ihr gemeinsames Projekt „Complements“. Die beiden sind ein Liebespaar und inszenieren sich auf ihrem Tumblr auf immer neue Art und Weise. In fast allen Fällen lustig, selbstironisch und – natürlich – verliebt. Daneben wussten sie aber auch mit ihren Kundenprojekten zu überzeugen. Eines meiner Highlights: Die Corporate Identity für das „French New-Wave“-Restaurant Le Turtle. Vor allem Letas Kundenliste liest sich zudem wie das Who is Who der großen Zeitungs- und Magazinmarken: Vom New York Magazine über die Wired bis hin zur Süddeutschen Zeitung ist eigentlich alles mit dabei. Einem einzigartigen Stil und jeder Menge Experimentierfreude sei Dank.

 

© Leta Sobierajski / Wade Jeffree

Compliments: © Leta Sobierajski und Wade Jeffree

 

 

 

 

 

Gmunk

Bradley G. Munkowitz alias Gmunk ist ein alter OFFF-Hase und ein Headliner, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Ob man seinen Stil mag oder nicht – gute Unterhaltung ist einem sicher. Nicht so ganz sicher ist allerdings, ob er bei seinen Talks unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen steht. Zuzutrauen wäre es ihm allemal. Vielleicht balanciert er aber auch nur auf der altbekannten Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Gmunk gehört zu den bekanntesten Visual Designern der Welt und ist einer der großen Namen der internationalen Designerszene. Er erschafft interaktive Welten, die den Nutzer aus der Gegenwart in die Zukunft beamen; die wegweisende Kraft seiner Arbeiten hat bereits Kunden wie Audi und Adidas überzeugt. Gmunk erfindet sich immer wieder neu. Er liebt es, Anfänger zu sein und unbekannte Herausforderungen zu meistern. „Striving for things that make me feel uncomfortable“ ist sein Lebensmotto. Das ist dann auch das, was sich von seinem Talk am tiefsten eingebrannt hat. Das und das GIF mit dem nackten Typen, der ein Waschbär-Plüschtier … lassen wir das. Genug Penisse für einen Blogartikel.

 

 

Calvin Sprague

Calvin Sprague wirkte bei seinem ersten OFFF-Talk wie der Junge von nebenan – sympathisch und down to earth. Nicht selbstverständlich bei seinem Kundenportfolio: Als Designer und Illustrator arbeitete er wohl bereits für alles, was im Musikbusiness Rang und Namen hat, darunter Michael Jackson, Paul McCartney, Madonna und Britney Spears. Wenige würden diesem Erfolg einfach so den Rücken kehren. Der gebürtige Texaner aber ging nach über 500 Plattencovern kurzerhand auf die Suche nach sich selbst – diese führte ihn bis nach Amsterdam. Hier illustrierte er zunächst in erster Linie seine eigenen Reisen und entwickelte so seinen einzigartigen Stil. Heute führt er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Ryan und seinem Freund Josh das Designstudio Pavlov Visuals. Seine Freundin überzeugte ihn schließlich, seine Geschichte in die Welt zu tragen, weshalb er bei der OFFF zum ersten Mal auf der Bühne stand und sich und seine Arbeiten einem größeren Publikum präsentierte. Dabei kennen ihn unzählige Menschen bereits. Sie wissen es nur nicht. Dabei wollte Calvin nur lernen, wie die Holländer einen rohen Hering zu essen. Was dann passierte? Das zeigt er hier.

 

© Calvin Sprague

Flamingo Lettering © Calvin Sprague

 

Außer Konkurrenz: The Happy Film von Stefan Sagmeister

Wer Stefan Sagmeister nicht kennt, hat auf einem Design-Festival nichts zu suchen: Er gehört zu den bekanntesten Grafikdesignern der Welt und hat mit seinem New Yorker Designstudio, mittlerweile Sagmeister & Walsh, Erfolg quasi neu definiert. Vor acht Jahren hat er sich an sein größtes Projekt gewagt: ein Film über die Suche nach dem persönlichen Glück. „The Happy Film“ lief bei der OFFF 2017 außer Konkurrenz. Erwartet habe ich einiges. Aber nicht, dass Sagmeister so tief blicken lässt. So warnt er auch gleich zu Beginn des Films: „Dieser Film wird Sie nicht glücklich machen.“ Die Dokumentation ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil (ver)sucht Sagmeister sein Glück mit Meditation, im zweiten Teil mit einer Therapie, im dritten Teil mit Drogen – und jeweils mit einer anderen Frau. Die dritte dieser Frauen will er sogar heiraten – bis er das Medikament gegen die Angst absetzt. Dann ist es mit der großen Liebe auch ganz schnell wieder vorbei. Zudem wird der Dreh des Films von kleineren und größeren Katastrophen überschattet. Dazu zählt, dass sein Co-Regisseur Hillman Curtis während der Produktion an Krebs stirbt.
Es sollte ein Film über das Glück werden. Herausgekommen ist ein Film, der einen melancholisch und nachdenklich zurücklässt. Der einmal mehr zeigt, dass Genie, psychische Labilität und Narzissmus eng miteinander verwoben sind. Und der einem vor Augen führt, dass selbst die größten Künstler letztlich eben doch nur Menschen mit mal mehr, mal weniger banalen Problemen sind.
Trotz allem macht „The Happy Film“ aber auch Spaß. Dafür sorgen die ästhetische Inszenierung und die vielen charmanten Designideen. Etwas anderes hätte man von seinem Stefan Sagmeister aber auch nicht erwartet.

 

 Stefan. Sagmeister: "The Happy Film" bei der OFFF2017Die OFFF 2017 – A Sensory Overload Experience?

Definitiv. Auch wenn das Motto des Festivals zugegebenermaßen etwas hingedängelt war, lässt die OFFF in jedem Jahr so was wie einen Festivalkater zurück. Drei Tage voller Impulse und Input wollen erst einmal verarbeitet werden. Man stellt die eigene Arbeit zwangsläufig auf den Prüfstand. Das ist aber auch gut so. Denn zwischen Deadlines, Kundenwünschen und Budgets kann das persönliche kreative Ideal schon einmal verlorengehen. Umso schöner ist es, wenn man schließlich feststellt, dass man dem Balanceakt zwischen Realität und eigenem Anspruch schon so gut wie möglich gerecht wird. Und wenn man dann noch sieht, dass selbst eine Ikone wie Gmunk nicht um die obligatorische Fahrszene im Sonnenuntergang herumkommt – tja, dann weiß man wieder, dass es in unserem Job einfach dazu gehört, den eigenen Künstlerstolz auch mal hintenanzustellen.

 

 

 

 

Astarte Buono