Rückblick auf die re:publica 2017 – Oder: 11 Jahre unerfüllte Liebe und 1 echtes Highlight

Bei der re:publica ging es in diesem Jahr um die Liebe. Unter dem Motto „Love Out Loud“ wollte man sich gegen Hate Speech und Konsorten positionieren und das Internet der Trolle wieder in einen lebens- und liebenswürdigen Raum verwandeln. In meinem speziellen Fall ist die re:publica eher so etwas wie eine unerfüllte Liebe. Schon als die re:publica im Jahr 2007 zum ersten Mal stattfand, damals noch als kleine Blogger-Konferenz, war mein Interesse geweckt. 2008 oder spätestens 2009 wollte ich zum ersten Mal Teil der re:publica werden. Und dann? Ging es weiter wie in David Nicholls Bestseller-Roman „Zwei an einem Tag“: Ich habe die re:publica nie ganz aus den Augen verloren und bin dennoch immer knapp an einem Besuch vorbeigeschrammt. Mal kam ein wichtiges Projekt dazwischen, mal ein Umzug in eine weit entfernte Stadt jenseits des Weißwurstäquators. Irgendwas ist eben immer. Oder besser: Irgendwas war eben immer. Denn in diesem Jahr, im Jahr 2017, im elften Jahr der re:publica sollte es nun endlich soweit sein.

 

       

1000 Redner und 500 Stunden Programm – mehr ist mehr?

Ich stieg mit gemischten Gefühlen in den Zug: Bereits im Vorfeld wich die Vorfreude purer Überforderung. Wer sich nicht einfach treiben lassen und die re:publica halbwegs vernünftig vorbereiten will, sollte mindestens 2 Tage einplanen, um sich durch den Zeitplan zu kämpfen. Mit über 1000 Rednern und insgesamt 500 Stunden Programm in drei Tagen soll der Vielfalt Raum gegeben werden. Zumindest bei mir stellte sich jedoch eher ein gegenteiliger Effekt ein: Ich bin ein an gesellschaftspolitischen Themen sehr interessierter Mensch. Dennoch verengte sich mein Fokus spätestens bei der Planung des zweiten Tages auf die Themen rund um Innovation, Marketing und Social Media. Schließlich soll sich das „Investment“ für meine Agentur letztlich irgendwie auszahlen. Doch auch nachdem ich mein persönliches Filter-Häkchen gesetzt hatte, war ich oft noch gezwungen, mich zwischen mehreren interessanten Talks zu entscheiden. Klar, das „Problem“ hat man auf größeren Konferenzen häufig und in gewisser Weise ist es Meckern auf hohem Niveau, aber in diesem Ausmaß birgt es durchaus ein gewisses Frustpotential.

 

 

A.I. klaut meinen Job !!einseinself! Wie kreativ ist künstliche Intelligenz?

In Berlin angekommen, bezog ich meine Unterkunft in der Potsdamer Straße. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: Das Konferenzgelände, die STATION Berlin, war fußläufig in gut zehn Minuten zu erreichen. Der Einlass lief reibungslos; und ich eröffnete meine ganz persönliche re:publica mit einem Talk, der mich als Creative Directorin ganz direkt betraf: „Automating Creativity – How Artificial Intelligence Changes Creative Processes“. Oder kurz gesagt: Wie groß ist die Gefahr, dass ich zukünftig zu denen gehöre, deren Jobs durch die Digitalisierung geschluckt werden? In den kommenden Jahren offensichtlich nicht ganz so groß. Denn man war sich recht einig darüber, dass A.I. der kreativen Zunft zwar assistieren und gegebenenfalls das Ideenspektrum erweitern könne, das kreative menschliche Hirn aber unabdingbar bleibe. Vorerst zumindest. Einen Vorteil hat die künstliche Intelligenz gegenüber den Menschen aber auf jeden Fall: Sie friert nicht. Ich fror – trotz Wintermantel – sehr. Das sollte sich beim nächsten Vortrag jedoch schnell ändern. Eva Schulz präsentierte im Media Cube die „9 ½ Dos und Don’ts für Storytelling auf Snapchat“. Eine kleine organisatorische Fehlplanung: Das Interesse war sehr groß, die Bühne war sehr klein. Sardinenfeeling, Hitzestau und Sauerstoffmangel inklusive. So war es auch einzig Evas leidenschaftlichem Plädoyer und ihren wirklich interessanten Tipps für Snapchat-Journalismus zu verdanken (vielleicht gebe ich diesem Snapchat doch noch mal eine Chance!), dass das Publikum tapfer durchhielt. Generell war die Bespielung der einzelnen Bühnen nicht so ganz nachvollziehbar. Mehrere Speaker der großen Stage 1 mussten vor halb besetzten Rängen performen, während Publikumsmagneten wie Thomas de Mazière für die kleinere Stage 2 eingeplant waren. Hier wurden dann auch einfach die Türen geschlossen, nachdem das Fassungsvermögen des Raumes erschöpft war. Unmut und lange Gesichter unter den „erfolglosen“ Besuchern vorprogrammiert.

 

Die Macht der Sprachbilder oder was wir von Aliens lernen können

Eines der Highlights des ersten Tages – und für mich das Highlight der ganzen re:publica – fand dann aber zum Glück auf Stage 1 statt: Elisabeth Wehling, ihres Zeichens Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin, referierte über „Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung“. Ein gut gemachter Vortrag, der einige interessante Erkenntnisse bereithielt. Mir hat sich jedenfalls zum ersten Mal erschlossen, wie sehr Sprache unser gesamtes Denken limitieren kann. Das erinnerte mich an den Film „Arrival“, der Ende letzten Jahres in die deutschen Kinos kam und auf der Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiang basiert. Es geht um Aliens und um die Idee, dass unsere Art der Sprache dafür verantwortlich ist, dass wir Zeit linear wahrnehmen. Sicher, der Film weist die eine oder andere Schwachstelle auf. Trotzdem haben mich Idee und Umsetzung begeistert – ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals über einen Alienfilm sagen würde. Das aber nur als kleiner Exkurs am Rande. Ein Hinweis, der aus Wehlings Talk besonders hängengeblieben ist: Wenn die Medien nicht mit Fake News in Zusammenhang gebracht werden wollen, sollten sie aufhören, über Fake News zu schreiben. Denn auch wenn es sich bei den meisten Artikeln über Fake News natürlich um Formen der Negation handelt, konnte sich erst durch die gewaltige mediale Empörung über den von Donald Trump geprägten Begriff die Verknüpfung zwischen „Fake News“ und „Medien“ in den Köpfen der Menschen festsetzen.

 

 

Webformate und TV-Sender: eine Kriegserklärung?

Der Dienstag und ich standen ein wenig auf Kriegsfuß, daher ist der 2. Tag der re:publica 2017 schnell erzählt. Positiv im Gedächtnis ist mir Johannes Schmidbauer von Studio71 mit seinem Talk „What’s up, Youtube?“ geblieben. Und das obwohl die Regie an einigen Videos gescheitert ist. Der Vortrag war dennoch ganz unterhaltsam und mit ein paar persönlichen Anekdoten gespickt. Zudem habe ich ein paar Dinge über Studio71 erfahren, die ich so noch nicht kannte – obwohl ich in meiner Zeit bei ProSiebenSat.1 mitunter eng mit dem Influencer Network zusammengearbeitet habe. Umso mehr freue ich mich, dass Studio71 in Kürze auf unserem Blog ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern wird. Gleich im Anschluss knüpfte die Diskussionsrunde „Coca Cola statt RTL, Edeka statt ProSieben: Marken produzieren Shows und Formate im Social Web“ quasi an Johannes Schmidbauers Talk an. Wobei ich den Titel etwas lustig gewählt fand, da beispielsweise CokeTV unter anderem von Studio71 und damit von einem Tochterunternehmen der ProSiebenSat.1 SE mitentwickelt wurde. Webformate und TV-Sender sind also nicht immer so klar voneinander abgegrenzte Gegenspieler, wie gerne suggeriert wird. Im besten Fall ergänzen sie sich sogar und bescheren sich dadurch gegenseitig höhere Reichweiten. Siehe zum Beispiel die Teilnahme von Influencer-Teams bei der WOK WM 2015 oder der Großen Völkerball-Meisterschaft auf ProSieben.

 

FotoOto: Innovative FotoApp für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen

Der letzte Tag begann für mich mit einem Vortrag von Katharina Jach von Publicis Pixelpark Hamburg über die FotoApp „FotoOto“. Das Spannende an dieser App: Sie wurde für und in Zusammenarbeit mit blinden und sehbeeinträchtigten Menschen entwickelt. Eine Sprachausgabe erzählt dem User, was er gerade fotografiert hat. Zusätzlich werden die Bilder anhand von Farben in Klangabfolgen verschiedener Instrumente übersetzt. Dieses Feature hilft sehbeeinträchtigen Menschen dabei, einen Moment tiefer im Gedächtnis zu verankern. Eine sehr schöne Sache, wie ich finde.

Zu guter Letzt soll hier Susanne Dickels Talk „Extend Your Vision – Die Dos and Don’ts der 360°-Videoproduktion Erwähnung finden. Susanne, Mitgründerin von IntoVR, sprach unterhaltsam und sympathisch darüber, vor welche Hürden die 360°-Videoproduktion Agenturen und Journalisten stellt. Aber auch hierzu in Kürze mehr bei uns im Blog.

 

11 Jahre unerfüllte Liebe – so stehen die Chancen auf ein zweites Date

Wie also war denn nun mein erstes Date mit der re:publica nach fast 11 Jahren der unerfüllten Liebe? Vorweg: Die Frage ist schwer zu beantworten. Aus beruflicher Sicht hat mir ein wenig die Relevanz gefehlt, vielleicht habe ich mich letztlich aber auch trotz aller Vorbereitung für die falschen Talks entschieden. Denn was sich mit einiger Sicherheit sagen lässt: Bei dem Überangebot an Einzelveranstaltungen erlebt jeder Besucher die re:publica 2017 auf seine Weise – und mit Sicherheit ziehen andere Agenturen ein ganz anderes Fazit für sich selbst. Darüber hinaus hat mir als „Außenstehender“ aber auch ein bisschen der Vibe gefehlt. Auch das mag man gegenteilig empfinden, wenn man in der Berliner Szene oder in der großen re:publica-Family besser verknüpft ist. Eine Veranstaltung, die sich „Love Out Loud“ auf die Fahnen schreibt, sollte aber meiner Ansicht nach auch in der Lage sein, Erstbesucher mit echter Begeisterung anzustecken. Die rbb-online.de fasst mein Gefühl in ihrem Rückblick ganz gut zusammen: „Und natürlich – Liebe war ja das Motto – wurde immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, dass jeder Einzelne dafür verantwortlich ist, für die Gleichberechtigung von Geschlechtern und Sexualitäten zu sorgen. Aber: All das ging unter in der schieren Masse an Angeboten. Erneut hat die Digitalkonferenz ihre bisherigen Größenrekorde gebrochen. Viele Besucher ließ das überwältigt zurück, gehetzt, stets auf dem Sprung in den nächsten Talk, mit dem Smartphone in der Hand und damit beschäftigt, den bestmöglichen Weg durch den Input-Dschungel zu finden.“ Vielleicht gebe ich der re:publica im nächsten Jahr noch eine Chance als privater Besucher, konzentriere mich auf die gesellschaftspolitischen Themen. Vielleicht akzeptiere ich aber auch, dass sich in elf Jahren der unerfüllten Liebe eine Erwartungshaltung aufbaut, der keine Konferenz so wirklich gerecht werden kann. Ein Gutes hat so ein Date aber in jedem Fall: Man weiß das, was man schon hat(te), umso mehr zu schätzen. Das gilt in meinem Fall sogar für die eine oder andere bereits häufiger besuchte Branchenkonferenz.

Astarte Buono